.. twitter-Seminare, und warum das irgendwie doch (keinen) Sinn macht

Braucht man Workshops und journalistische Qualität auf twitter?
Diese Fragen stelle ich mir angesichts eines twitter-Seminars in München und der – wohl falsch zitierten, aber über die dpa weit ins Land hinausgetragenen – Aussage von “twitter-Expertin” Nicole Simon, nur Journalisten könnten für Qualität auf twitter sorgen.

Braucht man Workshops und Seminare über twitter? An dieser Frage scheint es, entzweit sich das Social Media-Beratervolk gerade. Das zumindest ist der Eindruck, wenn man die Kommentare auf den Eintrag von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach liest. Lünebürger-Reidenbach zettelt mit einem Rant die Diskussion um die “Tweet-Academy” an – einem 150 Euro teueren, eintägigen Workshop, um twitter zu lernen.

Ich bin etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite stehe ich als Nutzer und Early-Adopter und sage: “So schwer ist das nicht!” Auf der anderen Seite weiß ich aus meiner beruflichen Erfahrung, dass ich vielmals schon viel zu tief in einem Thema stecke und es damit zwangsläufig “einfach” finde. Im Gespräch mit Kunden und bei meiner täglichen Arbeit mit ihnen wird mir dann schnell klar: Doch, es gibt da um das Thema immer auch Erklärungsbedarf.
Der natürlich ist immer stark abhängig vom Kunden, der einem gegenüber sitzt.
Ist es einer, der gehört hat, heute müsste man “was mit Social Media” machen? Oder ist es ein Kunde, der Social Media selbst schon ein wenig erlebt hat und nun Schritte tun will, dabei aber wenig falsch machen will.
Auch wenn twitter ein einfaches Tool ist, so ist es für bestimmte Menschen oder Firmen und ihre Strukturen doch ein schwieriges Thema. Meist liegt das daran, dass Firmen noch immer in alten PR-Schienen denken und handeln: Ein Unternehmen spricht mit einer Stimme, sehr unpersönlich und möglichst laut. Doch das neue Internet, das erwachsene Internet (und nichts anderes meinen wir ja im Grunde mit “Social Media”, eigentlich müsste “Social Media” ja einfach “Internet, so wie es von Anfang an hätte sein sollen” heißen, aber das ist zu lang als Marketing-Schlagwort) verlangt ein anderes Handeln. Eines, das Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger bereits 1999 im “Cluetrain-Manifest” aufgeschrieben haben. Und dessen erste These lautet “Märkte sind Gespräche.” Das ist etwas, das Firmen erst einmal begreifen und lernen müssen. Und genau dort finde ich es nicht so verkehrt einen Workshop anzubieten, um PR- und Marketing-Menschen deutlich zu machen, dass Social Media Gespräche auf gleicher Augenhöhe mit dem Konsumenten ist.

Zum Thema Qualität und Relevanz. Da sind wir wieder beim Thema, das mich schon genervt hat, als Blogs allein noch der heiße Scheiß waren .. da stellten sich stets ein paar Menschen und A-Blogger auf die Hinterhufe und blökten “Wir brauchen mehr Qualität in Blogs!” oder “Wir brauchen mehr Relevanz für Blogs!”. Habe ich persönlich nie verstanden, denn Qualität und Relevanz definiert sich immer im Auge des Betrachters. Wenn ich ein Katzen-Blog schreibe mag das für 99,9% der Deutschen weder besonders einfallsreich noch relevant sein. Aber nirgendwo anders als im Netz haben wir so einen wunderbaren Markt für Nischen. Long Tail, ist das Stichwort. Relevanz ist immer das, was ich persönlich als relevant erachte. Für Journalisten sind 99,9999 Prozent der twitter-Gespräche nicht relevant. Aber twitter kommt nicht umsonst von “to tweet”, sonst hieße es “qualitter” oder “tolles-relevantes-mediumding”. Für Ford-Fahrer ist Daimler auf twitter nicht relevant, der deutsche Ford-Account aber ganz sicher. Und Qualität definiert sich dann innerhalb der Zielgruppe. Nur Journalisten – ob fehl-gehört von der dpa oder nicht, einmal außer Acht gelassen – die Befähigung für “richtiges” twittern einzuräumen zielt komplett an twitter vorbei.

Social Media ist die neue Form der Unternehmenskommunikation im Web. Über eine traditionelle Website ohne soziale Komponente werden wir in zwei Jahren lachen. Dabei sei einmal dahingestellt ob Facebook und twitter dann noch immer *die* Tools sind, oder wir eine neue Form haben werden. Und damit meine ich auch nicht, dass jede Firmenwebsite wie zu .com-Zeiten wieder eine eigene Community aufmachen soll – das hat damals nicht geklappt und wird es nie tun. Denn wir stellen uns auch nicht mit unseren Freunden vor die Firmenzentrale und quatschen dort über Produkte. Wir machen dies dort, wo wir mit unseren Freunden immer sind – im neuen Internet sind dies soziale Plattformen.

Social Media ist nicht das nächste große Ding. Es ist das Internet. Und Firmen werden noch eine Weile benötigen, um zu lernen, dass die guten alten Zeiten der Holzhammer-PR abgelöst werden von individuellen Gesprächen und einer Kommunikation die schnellere Reaktionszeiten verlangt. Social Media-Experten können helfen die Funktionen zu verstehen, und Unternehmen zeigen, dass Social Media überhaupt nicht so schwer ist, wenn man mal versucht etwas mehr Mensch, und etwas weniger Bilanz zu sein. Und mit Social Media-Experten meine ich nicht die “Experten”, die sich vor drei Wochen bei Facebook angemeldet und drei twitter-Folger haben. Ich meine Menschen, die mit diesem neuen Internet aufgewachsen sind, die vor sechs und mehr Jahren bereits wußten was Blogs sind. Diejenigen, die an dieses neue Netz glauben und – ganz wichtig – Menschen verstehen. Diejenigen, die es schaffen Firmen klar zu machen, dass Social Media etwas ist, das künftig über das Internet hinaus gehen wird.

Wo war ich eigentlich ganz am Anfang.
Ach: twitter-Workshops. Nötig? Ja und Nein. Die erste Lektion nämlich sollte eigentlich nicht sein “twitter”, sondern “Kommunikation auf Augenhöhe”. twitter – und da bin ich dann wieder bei Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach und schließe den Kreis – ist nämlich nur ein Tool. Genauso wie ein Stift. Und der malt auch nur das auf Papier, was wir vorher in unseren Köpfen erfunden haben, danach erst muss ich “lernen” den Stift zu nutzen.

Disclosure: Ich berate Firmen seit 2005 zum Einsatz des “Web 2.0”/“Social Media”, schreibe Blogs für Unternehmen und arbeite derzeit im Auftrag von vi knallgrau für einen Kunden in diesem Bereich, u.a. rund um twitter.

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3 Kommentare

  1. Twittern als Workshop – wohl kaum, dazu ist das Prinzip zu einfach. Aber bei der Masse von Mitgliedern sich die richtigen Informationen zu filtern, diese zu verfolgen und gleichzeitig zu schauen, dass man keine neuen Meinungen verpasst – schwierig. Dafür könnte man ein Konzept anbieten.

  2. Britta: Es ist alles andere als einfach. 140 Zeichen Ansprache in den luftleeren Raum. Nein, das ist nicht einfach.

    Thomas: Erstmal: Danke.

    Ich habe aber noch massive Probleme, PR & Augenhöhe in einem Satz zu akzeptieren. Cluetrain hin, Luebue her … ein bisschen Menscheln kaufe ich ja noch, aber Augenhöhe im Sinne von ehrlicher Transparenz? Warum Angriffspunkte schaffen? Warum sich unnötige Blößen geben?

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