„Apple liegt in einer Mülltonne, die den Berg runter rollt“

Es rumort bei Apple.
Ein Jahr nach dem Tod von Steve Jobs baut dessen Nachfolger Tim Cook einige Positionen um. Die Trauerzeit, scheint es, ist zu Ende.

Scheiden wird der bisherige Software-Design-Chef Scott Forstall. Zusammen mit Jobs ist Forstall ein Anhänger des Skeuomorphismus. Kurz ausgeführt geht es dabei um die Vorspiegelung einer realen Welt innerhalb von Software. Also das, was Microsoft mit seiner Benutzeroberfläche Bob schon so sagenhaft floppend probiert hat. Das, was Apple mit der Kontakt-, Kalender- und einigen weiteren Apps und Programmen, bereits eingeführt hat: Grafisch so tun, als läge vor einem auf dem Bildschirm ein echtes Buch.
Das Problem am Appl’schen Skeuomorphismus ist nur: Er bricht mit dem, was man bisher von Apple gewohnt ist. Er bricht mit der bekannten Schlichtheit und er bricht mit der Hardware. Während man dort Simplizität praktiziert, kommt die Oberfläche insbesondere nach dem Update auf Mountain Lion recht verspielt daher. Diese Art der Realweltspieglung funktioniert nicht.

Der Meinung ist auch Jonathan Ive. Ive ist bei Apple zuständig für das Hardware-Design des Konzerns. Seit Jobs ihn 1997 zu Apple zurück holte, bestimmt er das Aussenbild von iMac, MacBook Pro, iPod, iPhone und iPad … Er ist somit Apple. Zumindest für die breite Masse. Denn machen wir uns nichts vor: Apple ist in der Erstwahrnehmung vor allem brillantes Design.

Mit dem Desaster um iOS6, der nicht funktionierenden Karten-App und weiter Kritik an der zunehmenden Verspieltheit des Designs sieht sich Apple insb. seit der Einführung des iPhone 5 erstmals „Angriffen“ auf breiter Front ausgesetzt. Und die Kritik will diesmal auch nicht so recht abebben. Hinzu kommen Verstimmtheiten innerhalb des Konzern. So sollen sich Forstall und Ive nicht einmal mehr im gleichen Konferenzraum zusammen haben aufhalten wollen …
Cook musste die Notbremse ziehen. Zum einen mit öffentlichem Signal, zum anderen, um tatsächlich intern etwas zu bewegen. Dass Forstall dabei das Opfer ist ist nur logisch – einmal verantwortete er die iOS-Entwicklung. Zum anderen aber ist er auch weniger wichtig als Ive. Denn den kann sich Apple nicht leisten ziehen zu lassen.

Nun vereint Ive zwei wichtige Positionen: Neben dem Design für die Hardware ist er künftig ebenso für UI und Design der Software zuständig, übernimmt somit einen Teil des bisherigen Verantwortungsbereichs von Forstall. Damit macht Apple den richtigen Schritt. Es vereint Soft- und Hardware-Design (so wie es mit dem Umbau auch iOS und OSX vereint).

Und natürlich gehen die Spekulationen mit dieser Personalentscheidung los.
Kehrt Apple zur schlichten UI zurück? Ist das hier das Ende des Skeuomorphismus?

Im Mai gab Ive ein Interview, in dem er der Frage, wie er zum Fake-Leder, den Fake-Nähten und der Fake-Buchanmutung so mancher OSX-Oberfläche stehe, noch auswich. Aber er sagte einen Satz: „The quest for simplicity has to pervade every part of the process. It really is fundamental.

Niemand weiß, ob sich etwas ändern wird, oder wie lange wir warten müssten, um etwas wie eine Änderung (oder Nicht-Änderung) zu bemerken. Spontan wird Apple nicht alles wieder über den Haufen werfen, das wäre ein Eingeständnis – und wenn wir etwas von Apple nicht kennen, dann sind es Eingeständnisse. Dass sich Tim Cook für die Karten-App in iOS 6 entschuldigt hat … an dem Tag ist wahrscheinlich die Hölle zugefroren (und an dem Tag wird auf Forstall das Damokles-Schwert herab gesaust sein). Trotzdem ist aber natürlich feststellbar, dass Simplizität heute gewinnt – man schaue sich Windows 8 mit seinem Metro-Design an. Die Jungs aus Redmond gehen ganz klar auf Apple-Pfaden – während Apple in einer Mülltonne liegt, die den Berg runter rollt. Jetzt heisst es in Cupertino Tonne stoppen (hat Tim gerade getan), Ärmel hoch krempeln, Staub abklopfen und versuchen auf den Weg zurück zu finden.

Viel wichtiger als Design und UI ist in meinen Augen, dass Apple im Bereich der Software endlich wieder besser werden muss. Wir haben in den letzten zwei Jahren einen Konzern gesehen, der unheimlich von Hardware getrieben wurde. Und die Software, das Zusammenspiel der Software und das Zusammenspiel mit dem Nutzer gefühlt massiv vernachlässigt hat.

Der Umbau Cooks jetzt ist für Apple und Apple-Nutzer eine Weichenstellung. Und die muss funktionieren. Om Malik hat das gut zusammengefasst – Apple muss im Bereich Software zwei Schippen drauf legen …

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