Wie US-Städte das Rodeln verboten. Oder: Von elterlicher Verantwortung.

Welche Verantwortung haben wir gegenüber unseren Kindern? Und kann, muss, soll ich der immer nachkommen?
Diese Fragen stelle ich mir angesichts einer kleinen Nachricht aus den USA. Dort verbietet eine zunehmende Anzahl von Gemeinden das Rodeln. Ja, richtig gelesen. Die verbieten das Schlittenfahren, stellen Warnschilder auf oder tragen gar kleinere Hügel ab, damit dort niemand mehr rodelt.
Der Grund dafür sind Zahlen.
Einer Studie des Injury Research and Policy-Instituts am Nationwide Children’s Hospital hat die Zahlen von Unfällen zusammengetragen, die in Zusammenhang mit dem Schlittenfahren verursacht wurden. Demnach mussten zwischen 1997 und 2007 immerhin 20.000 Kinder mit „sledding-related injuries“ in den Notaufnahmen der USA behandelt werden.
In Kombination mit zwei weiteren Zahlen führt dies zu den absurden Auswirkungen.
Die Zahlen sind 2,0 Millionen und 2,75 Millionen. So viel in Summe wurden unter anderem den Eltern eines verunglückten 5-jährigen Mädchens sowie eines verunfallten jungen Mannes in US-Dollarn an Schadenersatz zugesprochen.
Das 5-jährige Mädchen war in Omaha, Nebraska mit ihrem Schlitten gegen einen Baum gefahren und ist seit dem gelähmt. Den Unfall hat die Stadt nicht nur dank eines Gerichtsurteils teuer bezahlt, sie hat darauf hin gar das Rodeln verboten – und nach einem Jahr wieder erlaubt (weil sich niemand daran gehalten hat). Statt dessen stehen an möglichen Rodel-Stellen nun Warnschilder, die das Risiko mindern sollen und unter anderem appelieren, einen Helm zu tragen.

Wo hört unser Verantwortungsbereich des Elternseins auf? Oder besser: wo fängt er an?
Lösen wir uns einmal vom rechtlichen Aspekt der ganzen Geschichte. Aber kann ich in meiner Verantwortung als Elternteil wirklich eine Stadt dafür verantwortlich machen, wenn mein Kind von einem Baum fällt? Schließlich wäre es nicht gefallen, stände der Baum dort nicht?

„In der Vergangenheit verfolgten die Menschen eher eine Wild-West-Philosophie“, sagt der Anwalt Kenneth Bond im oben verlinkten AP-Artikel. „Die Annahme war, dass man als Individuum für die eigene Handlung verantwortlich ist. Jetzt jedoch erwarten sie, dass die Regierung sie vor Gefahren bewahrt, wann immer das möglich ist.“
Dazu gehört auch das Rodeln.

Es gibt Dinge, die gehören zum Leben.
Ich bin froh, dass unsere Kinder bisher ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen durchs Leben gegangen (und gerodelt) sind. Und natürlich sucht man die Schuld für ein Unglück immer als letztes bei sich. Aber am Ende sind wir als Eltern verantwortlich. Immer. Wenn wir unser Kind zum Rodeln lassen, nehmen wir ein Risiko in Kauf. Wenn wir es mit dem Fahrrad fahren lassen, ebenso. Wenn wir es zum Schulbus laufen lassen auch. Das ist die Verantwortung mit der wir leben – und die uns keiner abnimmt. Radelt das Kind vor einen Baum, fällt es vom Berg oder knickt sich den Fuss beim Laufen ist nicht das Forstamt, die Stadt oder die Straßenbaubehörde Schuld. Das sind Dinge, die passieren. Und es gehört dazu, das zu akzeptieren.
Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Verantwortung unsere Kinder zu Geiseln macht. Aber eben so wenig, dass sie das Leben weniger lebenswert macht.

Dass wir auch in Deutschland vor so absurden Dingen nicht gefeit sind, zeigt übrigens der Kindergarten-Alltag hier. Dort ist Keksebacken in der Gruppe oder der mitgebrachte Kuchen zum Geburtstag nicht mehr erlaubt. Hygienevorschriften. Wahrscheinlich hat da auch irgendwer mal irgend etwas mit Zahlen belegt …

Bild: Randen Pederson; flickr, CC Lizenz

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