Gauck und die Netzgemeinde. Ein Phänomen.

Eine freie Meinung haben, sie ändern und äußern zu können, ist das höchste Gut eines jeden Menschen – und eines, für welches ich dankbar bin, es zu haben. Eine eigene Meinung nicht ändern zu dürfen, können oder es trotz neuer Fakten zu tun, ist töricht.

ABER mich fasziniert in den letzten 24 Stunden schon, mit welcher – sonst immer nur Frau Merkel vorgeworfenen – Flipp-Flopp-Haftigkeit die Netzgemeinde auf einen Präsidentschaftskandidaten Gauck reagiert.

Vor 20 Monaten noch als Retter der Nation auf virtuellen Händen getragen, heute der Buhmann, der schwarze Mann von nebenan, dem man mit dem übergestülpten „Ich weiß es aber Besser!“-Kapuzenshirt nicht auf offener Straße begegnen will, weil man ihn ja grüßen müsste. Wie die Ex-Freundin (oder -Freund). Ähnlich auch der Beißreflex: Man zerrt hervor, was man gerade noch schick fand, jetzt aber hassen will. Konservatität, Freiheitsgerede, …
Da werden Worte, Zitate und Einstellungen so wild herum gedreht, bis es in die eigene Argumentationskette passt. Ex-Kandidat, Ex-Freund.

Ist es, weil sich Gauck in den letzten Monaten rausgenommen hat, eine Meinung zu dem ein oder anderen Thema kund zu tun, welche die Netzgemeinde für sich eingenommen und mit genau gegenteiligen Thesen bestückt hatte? Aber ist „Eine Meinung haben“ – oder Kund tun – nicht jenes, unser Gut, sondern auch die vom Bürger aufgetragene öffentliche Pflicht eines Bundespräsidenten? Gauck hat in den letzten Monaten einige Kommentare abgegeben, die der Netzgemeinde, die ihn einst bejubelte, nicht geschmeckt haben dürften. Einige Kommentare, anhand derer sich die Netzgemeinde überlegen fühlt. Er hat den Mut Sarrazins „“bewundert““ (Sternchen 1), die Occupy-Bewegung lächerlich befunden (Sternchen 2), den Namen „Montagsdemo“ für die HartzIV-Gegendemos in Leipzig missbraucht gesehen (Sternchen 3) und etwas zur Vorratsdatenspeicherung gesagt (Sternchen 4).

Seltsamerweise hat bisher noch niemand die Frage gestellt: Was wäre, wenn Gauck vor 20 Monaten bereits gewonnen hätte? Fände er das dann weniger dufte? Oder würden wir über diese Äußerungen hinwegsehen?

Ein Mensch in drei Interviews zu erfassen ist schwierig. Einen Mensch mit derlei vielen Lebensstationen zu erfassen, wie Gauck sie hingelegt hat, dafür dürften sechs, neun, zwölf Interviews nicht ausreichen. Vielleicht genügen fünf Jahre. Und vielleicht sollte man dem Mann Gauck etwas Zeit geben. Es gibt wenige Menschen, die fertig geformt in ein Amt geworfen werden. Andere wachsen daran – wie Herzog oder Schröder -, andere nicht – wie Merkel oder Wulff.

Gauck wird neuer Präsident. Akzeptiert es. Und bildet euch bitte ebenso schnell eine neue Meinung, wie diesmal.

Sternchen 1: Niemand, wirklich Niemand kann Thilo Sarrazin Mut absprechen, in einer Gesellschaft, die eigentlich entsprechend geprägt sein sollte, mit seiner wilden Rassen-Gen-Hilfe-wir-sind-verloren-Deutschland-These um die Ecke zu kommen. Dass er damit publizistischen Erfolg hatte, ist traurig, ändert am Mut allerdings nichts.

Sternchen 2: Die Occupy-Bewegung „niedlich“ zu finden, und abzusprechen, dass es kein System neben dem Kapitalismus gibt – irgend eine Prägung muss ein Mensch haben, der im Krieg geboren wurde, in der DDR zum Mensch geworden ist und im Kapitalismus seine Freiheit fand. Gysi glaubt noch an den Sozialismus, passt euch auch nicht …

Sternchen 3: Finde ich auch. Echt. Die Montagsdemonstrationen, die zum Fall der Mauer geführt haben, sollten ein Mahnmal sein. Punkt. Aus. Wer sich die Häufchen hier bei den HartzIV Demos angeschaut hat, dem muss es im Herzen gedrückt haben. Mich hat es das.

Sternchen 4: Es gab Politiker, die waren Pro Vorratsdatenspeicherung, haben ihre Meinung geändert und wurden zu Helden der Netzgemeinde. Komisch.

Sternchen 5: Über das Thema kann man noch viel mehr reden, schreiben, zanken. Doch. Es gibt keinen idealen Kandidaten für das Amt – nicht, nach dem, was es in den letzen 24 Monaten mitmachen musste. Gauck muss eine Lücke füllen, die er eigentlich nicht füllen kann. Ich bin gespannt …

Sternchen 6: Ob Gauck auch einen Deal mit der Stasi hatte? Oder irgendwann geschummelt hat? Überraschen würde es mich nicht – in den Jahren kommt da sicherlich einiges zusammen. Wir haben spannende Zeiten. Auf der anderen Seite: Ist die Merkel echt so sauber oder langweilig, dass bei ihr das nachschauen nicht lohnt?

Bitte auch noch lesen: Gauck in der Filterbubble, oder Wie wir lernten, den Kontext zu ignorieren., in dem Patrick Breitenbach auf die Zitatenschnipsel eingeht, die rund um Gauck ins Netz gekippt und verdreht wiedergegeben werden. Danke.

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6 Kommentare

  1. manchmal wünschte ich mir, ebenso gut schreiben zu können um gedanken so fixieren zu können.

    ich habe nichtmal unbedingt was gegen gauck (ausser das er eben eine andere generation ist und vielleicht das heute und die zukunft aus einer mir unverständlichen, weil anders geprägten, sicht sieht).

    ich mag die art und weise des scharrerns nicht. hier geht es weder um den bundestagspräsident, noch um gauck. hier geht es um festigung von macht. und das stinkt mir immer mehr.

    ja. das war früher schon so. aber mittlererweile wird es so ungeniert und öffentlich ausgetragen, das mir überl wird.

  2. Danke.
    Was mich vor allem stört, ist diese ewige Rumnöhlen, ohne auch nur ansatzweise eine Idee zu haben, wie/wer (man) es besser machen könnte und vor allem ein realistischer Kandidat wäre.

  3. Wenn jemand „Sternchen“ einsetzt, gehe ich normalerweise von harten Fakten aus. In diesem Fall wars die Meinungsäußerung unter der Meinungsäußerung. Wie praktisch, dass ich Gauck immer schon genauso unsympathisch fand wie Wulff. Da ich kein Teil der Bundesversammlung bin (wie die meisten, die da durchs Netz düsen), ists doch eh wurscht, oder? Damals habe ich Haue kassiert, weil ich ihn nicht mochte, und darauf hinwies, dass man mal mehr Elan und Zeit in die Europawahl stecken sollte, heute kassiere ich Haue, weil ich ihn immer noch nicht mag und darauf hinweise, dass ich inhaltlich lieber über die SH-Wahl sprechen würde. Beides übrigens Wahlen, bei denen der Bürger tatsächlich mitbestimmt und diejenigen, die gewählt werden, auch wirklich entscheidungsbefugt sind.

  4. Jan, nein – sicherlich auch; aber nein – selbst Kontakte und Zeitungen, die im Jahr 2010 noch jubelten; mäkeln nun, durchaus eine wahrnehmbare Veränderung in meiner kleinen Filterblase (soweit reicht mein Gedächtnis noch)

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