Dieses Ideal namens Schule

In wenigen Tagen ist es soweit. Dann haben wir zwei Schulkinder im Haushalt.
Zum einen freue ich mich darüber wahnsinnig. Schule ist etwas Besonderes – es ist Freude, Liebe und Qual, Leid und Erkenntnis. Es ist … rückblickend … eine tolle Zeit. Auch, wenn man es dann und wann so nicht erkennt. Muss man auch nicht. Wird man irgendwann.
Zum anderen allerdings gruselt es mich.

Unsere Schulen folgen dem Bildungsideal Wilhelm von Humboldts. Theoretisch zumindest. Praktisch haben sie es nie umgesetzt. Nun heisst natürlich die von Humboldt exerzierte Idee eben auch “Bildungsideal” – keine “Bildungspraxis” -, ein “als ein höchster Wert erkanntes Ziel”, wie es der Duden (“Ideal”) formuliert.

Und sicherlich. Die Freiheit der Schulen und Universitäten vom Staat auf einer gemeinsamen Ebene sicher zu stellen, zu finanzieren und zugänglich zu machen wäre unter dem Aspekt des Zugangs zu Bildung nur schwerlich in der Form realisierbar. Dass Kinder Schulen kostenfrei besuchen können (staatlich gezwungen gar müssen) ist ein Luxus. Bei aller Kritik am herrschenden Schulsystem sollte uns das allem voran einmal gegenwärtig sein.

Trotzdem natürlich geht einiges schief.
Der wohl katastrophalste Fehler unseres aktuellen Bildungssystems ist der föderale Ansatz. Zerstrittene, miteinander konkurrierende Länder an einem Tisch auf einen Nenner bringen zu wollen ist irrwitzig. Das mag bis zu einem Grad funktionieren. Dass es in Deutschland überhaupt nicht funktioniert, zeigt ein Blick in die Schulen und Fachhochschulen: Da sind Abschlüsse aus Thüringen nicht in Bayern gültig, Fachhochschulreifen aus Baden-Württemberg nicht in Sachsen akzeptiert und Berufsschul-Zeugnisse aus Sachsen-Anhalt in Hamburg nix wert.
Auch sonst ist Bildung in Deutschland alles andere als “gleich”. Ein Blick in staatliche Schulen von Nord nach Süd, von West nach Ost macht das selbst Menschen schnell deutlich, die keine Kinder haben.

Schlimmer wird es, wenn man Kinder hat.
Und sieht. Sieht, was fünf Kilometer nebenan, über der Landesgrenze, möglich ist. Von Dänemark, Schweden und Norwegen will ich überhaupt nicht anfangen.

Es schmerzt. Nicht primär mich. Eher mich in Vertretung meiner Kinder.
Es schmerzt zu sehen, wie toll der Sohn in Sachsen mit Anlauttabelle Lesen und Schreiben gelernt hat. Während die Tochter achtzehn Kilometer weiter jetzt in Sachsen-Anhalt mit der guten alten Buchstaben-Lernsuppe konfrontiert wird, durch die wir uns zu DDR-Zeiten bereits gequält haben.
Das trägt keine Schäden mit sich – es schmerzt nur.

Es schmerzt zu sehen, dass wir aus all den Jahren nichts gelernt haben. Weder, wie man als Land richtig mit Lehrern umgeht, statt sie zu verheizen. Noch, auf Kinder Rücksicht zu nehmen.
Das Schulsystem funktioniert weitestgehend noch immer nach dem Motto: “Pauken fürs Leben”.
Pauken. Ranglotzen und stupide lernen. Das haben unsere Eltern getan, das haben wir getan. Statt im 21sten Jahrhundert zu lernen, wie man lernt, lernen Kinder noch immer, dass sie nur für eine Arbeit lernen müssen, und den Rest wieder vergessen können.

Berufsverbände fordern von Lehrern und Schulen, mehr “Berufsvorbereitende” und “Lebensvorbereitende” Inhalte zu lehren.
Das ist Quatsch.
Schulen sollten Kindern und Jugendlichen die Neugier beibringen. Und sie lehren, zu lernen. Lernen zu wollen. Lernen zu Lieben. Neugierig zu bleiben und Wissen nicht als Last sondern als Lebensqualität und -Liebe kennen zu lernen.

Statt dessen wird gepaukt. Lerne!
Nur wie? Und warum?
Das wurde nie gesagt.
“Darum!” oder “Weil Du es später brauchst!”, war zumindest für mich nie eine ausreichende Motivation.

Es gibt an Schulen einen unheimlichen Druck.
Auf und durch – Lehrer, Eltern, Kinder, Staat, Medien, Besserwisser (wie mich – und ich vereine gar Kind, Eltern und Besserwissen, das sind die Schlimmsten).
Wir sollten Kindern und Lehrern den Druck nehmen.

Schule war schon immer Druck. Ja. Zerbrochen sind wir als Kinder daran auch nicht. Zumindest der Großteil nicht.
Das aber kann kein Maßstab sein.
Wir sind eine Wissensgesellschaft. Das bedeutet nicht, dass wir alles Wissen. Das bedeutet nicht, dass wir als Individuum alles wissen müssen. Für mich bedeutet es eher, dass wir aktzeptieren müssen, stetig zu lernen. Neue Fakten, neue Fertigkeiten, neue Berufe.
Darauf sollten Schulen vorbereiten.
Zwingt sie nicht Schiller zu lesen – macht ihnen den Mund wässrig, dass sie mit 19 Jahren selbst zu Schiller greifen. Lasst sie das Periodensystem nicht auswendig lernen, geht raus in die Natur und erklärt ihnen, wieso Chemie wichtig ist. Paukt nicht Jahreszahlen, lehrt sie, wie sie sich Jahreszahlen einprägen können – solche, die sie wirklich brauchen. Dass Mozart großartig war, weiß ich auch, ohne zu wissen, dass er am 29. Januar 1781 an der Premiere seiner Oper Idomeneo teilgenommen hat (habe ich gegoogelt).

Ich freue mich darauf, dass unser zweites Kind in die Schule geht.
Und ich bin traurig. Traurig über die vergebenen Chancen und die verbauten Ideale unseres staatlichen Bildungssystems. Weil ich mir manchmal ausmale, wie es sein könnte. Wenn Lehrer mit Ideen nicht gegen Wände rennen würden – bei Kollegen, Direktoren oder verkappten Eltern. Wenn Direktoren Zugeständnisse gemacht würden vom Kultusministerium. Wenn Landesminister statt auf OECD und Lernstandskontrollen-Ergebnisse mal auf Kinder und die Ideen Humboldts schauen würden. Oder nach Dänemark, Schweden, Norwegen – wenn es denn dann sein müsste, weil wir es nicht selbst hinbekommen mit Ideen und Plänen.

Kleine Schritte übrigens wären durchaus möglich.
Motivation ist eine Sache. Neugier wecken eine andere.
Eine Neuregelung der Hausaufgaben (Wochenplan statt täglicher Berg) oder eine bessere fächerübergreifende Themenvielfalt.

Nein, ich bin kein “Spezialist”. Nein, ich habe keine universelle Lösung. Und ja, Sie dürfen diesen Text Kacke finden. Dass “Schule” etwas ist, dass vielfältige Meinungen und Ansichten hervor bringt sehe ich zu jedem Elternabend – wenn sich Eltern lieber selbst gegeneinander positionieren, anstatt mal zu fragen, was das Beste für die Kinder wäre.

Was Kinder wollen?
Spaß am Lernen haben. Und Antworten. Schule sollte die Neugier, die Erst- und Zweiklässler naturgemäß haben fördern, statt sie in 45-minütige Schachteln packen zu wollen. Da fängt es schon an …

[Update]
Übrigens: Die Lehrer in Sachsen streiken am Freitag. Mal wieder.
Nicht vorrangig für sich selbst. Erklärt Rachael, Lehrerin aus Australien in Leipzig. Im Gegenteil. Sie streiken übergeordnet für eine bessere Schule – für weniger Belastung, mehr Chancen und bessere Förderung. Das kommt am Ende auch unseren Schulen zu Gute und gehört ebenso zum Schritt nach vorn … Mein Verständnis haben sie durchaus.

Ich mache für das “Versagen” der Schule übrigens nicht die Lehrer verantwortlich. Natürlich gibt es gute und schlechte, aber das gibt es überall. Den überwiegenden Teil der – auch älteren – Lehrer habe ich stets als motivierte, überzeugte und in ihrem Rahmen nach allen Möglichkeiten suchende Lehrer und Pädagogen erlebt. Das Problem ist das starre System sowie die UNTERHONORIERUNG von Lehrern – nicht unbedingt im finanziellen Rahmen, sondern vor allem im Sinn von Überforderung, Stellenbegrenzungen und -abbau sowie dem Nicht-Vertrauen dem Gegenüber, was Lehrer sagen, wie sie Unterricht gern machen würden. Denn für den Lehrplan und der Starrheit dieses können Lehrer nichts. Den Rest erklärt Rachael in ihrem Blogeintrag oben.

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