Auftakt: „Ich gab ihm mein Herz“

Ich gab ihm mein Herz um 17:23 Uhr. Ziemlich genau drei Stunden nach unserem Kennenlernen. Faustgroß, rot, stark. Blutgruppe A/B, selten in dieser Zeit. Ebenso, wie die Narbe auf meiner Brust.
Er versprach, gut darauf aufzupassen und verschwand.
Aus dem Zimmer, der Stadt, meinem Leben.
Ich sah ihn nie wieder. Und mein Herz ebenso.

Ich bedauerte den Schritt nicht. Das Herz ist nur ein Muskel. 300 Gramm Rohmasse. Leicht zu ersetzen durch kybernetische Transplantate. Ein notwendiger Tausch für die Aufgabe, die vor mir lag.
Trotzdem wurde ich im Rückblick manchmal melancholisch. Spielte in Gedanken die Umstände des Tauschs erneut durch, und das, was anders hätte sein können.

"Über was denkst Du nach?"
Katharina stand plötzlich hinter mir, ihr Gesicht spiegelte sich im Fenster, vor dem ich stand. Mein Blick hing leer über dem Angesicht der Stadt. Dunkler, ätzend schwarzer Rauch stieg von irgendwo weiter hinten auf.
"Mein Herz.", antworte ich trocken und verursachte ein Stirnrunzeln bei ihr.
"Alles ok?", fragte sie, besorgt um meine Gesundheit.
Ich nickte kurz. Menschen, die ohne Herzen leben. Die 28 Jahre junge Frau aus dem Jahr 1937, in deren gespiegeltes Gesicht mein Blick wanderte, hätte mich unumwunden für verrückt erklärt. Trotz der Liebe, die uns verband.

Ich drehte mich um, gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze und ging zu dem einfachen Tisch auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers.
"Gut", sagte ich, entschlossen, unser Gespräch dort fortzusetzen, wo wir es eigentlich unterbrochen hatten. Katharina hatte sich einen frischen Kaffee geholt, war für zwei Minuten aus dem Zimmer gegangen. Ich setzte mich an den Tisch, schlug die darauf liegende Akte aus altgrauem Papier auf.
"Lass uns über Adolf Hitler reden!"

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