Die Mauer ist weg.

Als im November 1989 nach Öffnung der Grenzen Ostdeutschlands zum Westen die ersten Meisel am Symbol des Eingesperrtseins angesetzt wurden, war ich acht Jahre. Am Abend des 9. November, als für viele Menschen die Geiselhaft endete, startete für mich ein Countdown: der zu meinem neunten Geburtstag, den ich seit 1980 jeden 12. November feiere.

Sprich: ich hatte an jenem Schicksalstag andere Sorgen.

25 Jahre ist dieser November her.
Und ich kann mich an wenig Konkretes erinnern, dass sich damals in der Folgezeit für mich dramatisch änderte. Aus unserer Klasse verschwand nur ein Kind. Und auch unsere Lebensumstände änderten sich nicht radikal. Mein Vater war selbständig und blieb es. Seine Schwester besuchte uns schon vorher immer. Irgendwann fuhren wir eben auch einmal zu ihr – „rüber“, in den Westen.
Klar. In der Schule wurden Bücher ausgetauscht. Aus dem kleinen Wald in der Nähe meines Elternhauses wurde ein OBI Baumarkt. Aus dem Grau der Innenstadt eine bunte Ansammlung von Häusern mit unterschiedlichsten Fassaden. Aus dem Robur Lkw meines Vaters mehrere ältere Mercedes-Lkw.

Meine Erinnerung an 1989 und davor allerdings ist so gut wie nicht vorhanden.
Für mich hat wirklich David Hasselhoff die Mauer zum Einsturz gebracht (nicht). Denn der Silvesterabend ist, was ich aus 1989 noch weiß. Dieser Typ in Lederjacke an der Mauer. Dieser Abend, an dem ein US-Amerikaner vor Tausenden darüber singt, wie er vor seinem reichen Vater flieht.
Looking for Freedom.
Das ist mein persönlicher „Mauermoment“.
So traurig das klingen mag.

Wenn man mich heute als „Ossi“ bezeichnet, reagiere ich mit einer Mischung aus Ablehnung und Gleichgültigkeit. Ich bin „in den Westen hinein gewachsen“ – je bunter meine eigene Welt der Wahrnehmung wurde, umso bunter wurde auch die Welt um mich herum. Ich entdeckte Coca Cola nicht, weil die in den Osten kam – sondern weil ich alt genug wurde. Nur zufällig war das ein deckungsgleiches Ereignis.

Als ich 10 war, war der Westen schon da. Und er blieb. Und für mich war da nie Ost, nie West.
Irgendwann 1990 zog die Schwester meines Vaters zurück in ihren Heimatort – drei Straßen von uns entfernt. Ihr Sohn war einer der Deutschen die ihr neues Glück in einem für sie neuen Bundesland suchten. Und mein Vater …? Nun, der hatte „Kapitalismus“ schon vorher verstanden – als einer der wenigen Selbständigen in der DDR sah und nutzte er die Chancen.

Für mich persönlich war Deutschland schon immer eins. Eine Welt, meine.
Ich wuchs neun Jahre in der kleinen Welt meines Heimatortes auf und weitete ihren Horizont mit dem Alter. Mit 17 Jahren zog ich bei meinen Eltern aus, in die nächst größere Stadt. Mit 18 ging ich von Thüringen nach Bayern, danach war ich für Jahre in Baden-Württemberg daheim. Heute lebe ich – mit drei Kindern, die in Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg geboren wurden – in Sachsen-Anhalt und arbeite hauptsächlich für ein Unternehmen, das in Bayern sitzt.
Ich wurde schon oft als „Ossi“ bezeichnet – und jeder, von dem dieses Wort heute noch kommt, zeugte in meinen Augen nur von seiner Ignoranz und Arroganz. Ich bezeichne niemanden als Wessi, und das ganze Gehabe geht mir gehörig auf den Keks.

Vor 25 Jahren revoltierten die Insassen der DDR. Sie wollten freie Wahlen und Reiserecht.
Es ging nicht um Bananen. Es ging in den ersten Tagen nicht einmal um eine Wiedervereinigung. Die Parole des „einen Volkes“ stammt mutmaßlich gar von Bewohnern der alten Bundesländer.
Trotzdem. Oder genau deshalb:
Ich bin froh, dass es damals mutige Menschen gab.
Ich bin froh, dass Deutschland heute nicht nur mein Vaterland ist, sondern auch einig Vaterland.

40 Jahre war ein Volk getrennt. Und natürlich braucht es seine Zeit, bis all die Vorurteile und aus der Trennung resultierenden Nachwirkungen beseitigt sind.
Neben all den Fragen und Kommentaren gehört dazu leider, dass viele Menschen „im Osten“ noch immer nicht fair bezahlt oder fair mit seiner politischen Ansicht behandelt wird. Nein, wir sind weder alle Rechts, noch Alt-Links. Und auch nicht zu blöd zum Wählen – selbst, wenn die letzten Landtagswahlen mit Wahlbeteiligungen von nicht einmal 50 % wohl keine Lehrstunde der Demokratie waren. Vor allem nicht in einem Bundesland, in dem vor eben 25 Jahren Tausende auf die Straße gingen um frei wählen zu dürfen …

Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Das ist heute ebenso Deutschland wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, das Saarland, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen. Das ist mein Deutschland.
Ich bin viel unterwegs – in den letzten beiden Jahren war ich in unzähligen Ländern Europas und der Welt. Ich bin froh, das tun zu können. Es tun zu dürfen. Und das kann ich, weil vor 25 Jahren einige Menschen damit anfingen, sich zu erheben. Ich habe daran keine großen Erinnerungen. Aber ich habe ein Gefühl – das der Dankbarkeit.

Bin ich ein Ossi?
Meine Kindheit war nicht anders als die von West-Kindern in ländlichen Gegenden in den 1980er Jahren auch – wir trugen mit Papa Kohlen in den Keller, bekamen Schuhe die uns nicht gefielen, lernen lesen und schreiben und bekamen dafür vor allem Einsen und Zweien. Wir lernten zu reiten, Fahrrad zu fahren. Wir vergaben unseren ersten Kuss und empfanden vor allem dann alles als bunt, wenn Mama und Papa Zeit mit uns verbrachten. Am Ende ist die DDR in meiner Erinnerung nichts anderes als die BRD in den Erinnerungen der damals 9jährigen auch.
Nein. Ich bin kein Ossi.
Ich bin Thüringer. Europäer. Mensch. Und frei. Seit 25 Jahren.
Zeit, dass wir dieses Viertel Jahrhundert nehmen, um uns alle frei zu machen. Und die letzten Mauersteine in den alten Köpfen mal wegräumen. Auf einem dieser Steine steht „Ossi“, auf einem anderen „Wessi“ …

Bild: „Romtomtom“, flickr CC Lizenz

Ein Kommentar

  1. Hallo Thomas,

    das ist ein toller Artikel, der mir aus der Seele spricht (gleicher Jahrgang, nur dass ich im Westen aufgewachsen bin, ohne zu wisse , dass es einen Osten überhaupt gibt. Und wir haben den einen Schüler, der bei Dir gegangen ist in die Klasse bekommen und sich über seine komische Art zu sprechen amüsiert 😀 ).
    Ich lebe jetzt seit fast 10 Jahren in Sachsen und stelle immer wieder fest, dass gerade unsere Elterngeneration noch sehr stark in Ost und West denkt. Schade! Aber nur ganz schwer abzugewöhnen. Da sind wir dann wohl gefragt. Und wer weiß, ob die kommenden Generationen überhaupt noch in diesen Denkmustern festhängen. Ich würde mir wünschen, dass nicht.
    Letztendlich sind wir alle nur Menschen!
    Viele Grüße von Stefanie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.