Der Deutsche und sein Bargeld – Eine leidige Geschichte

Ich mag kein Bargeld.
Ich finde es nervig dauernd Münzen und Scheine mit mir rumtragen zu müssen. Ich finde es anmaßend von Geschäften zu fordern, ich müsse immer genug Geld dabei haben, um etwas bezahlen zu können, von dem ich vorher vielleicht noch nicht wusste, dass ich es kaufen will.
Aber Deutschland hängt am Bargeld. An all seinen Cent-Stücken und 50 Euro Scheinen. An dem Klimpern, Abzählen und rumhandieren.
Warum eigentlich?

Mein Portmonee ist ein schmales kleines Ding für gerade einmal ein paar Scheine und Karten. Weil ich nun ein schlankes Portmonee mag und viel unterwegs bin, habe ich keine EC Karte – statt dessen ruhen in meiner Geldbörse zwei Kreditkarten, die ich überall auf der Welt einsetzen kann.
Überall, bis auf Deutschland.
Denn wir sind Kreditkartenmuffel.
Gerade einmal 5,4 Prozent des Einzelhandels-Umsatzes wird mit Kreditkarten gemacht. Und weil das eine das andere bedingt musst du heute im Geschäft noch immer erst fragen, ob man überhaupt mit Kreditkarte zahlen kann …
Während in Schweden ganze Komunen und Unternehmen das Bargeld abschaffen, klebt es uns Deutschen weiter an den Händen. Über 54 Prozent des Umsatzes in Geschäften werden noch immer bar beglichen.

Der Versuch bargeldlos zu leben scheitert am kleinen Alltag. Parkautomaten, Bäcker, die ganzen kleinen Beträge die Schule und Kita für Theater, Kopien und Was-weiß-ich-noch wollen …

Ich mag die Idee mobiler Bezahlsysteme. Aber ich habe meine Zweifel, dass die sich in Deutschland mittelfristig durchsetzen werden. Apple Pay? Überall, nur hier doch nicht.
Wir Germanen würden noch mit Kühen und Steinen bezahlen, hätte uns der Staat nicht das Bargeld aufgezwungen!
„Geld ist geprägte Freiheit“, schrieb Dostojewski. „Heute sollte man wohl ergänzen: Bargeld ist geprägte Freiheit.„, schreibt Maike Brzoska in der ZEIT und erntet (von der vermeidlich elitären) Leseschaft viel Applaus.
Bargeld ist anonym, sicher, unabhängig!
Wider des Systems, der Datenerfassung und … ach, überhaupt!

Ist Bargeld wirklich der Heiland?
Ich mag mein Plastikgeld. Ich will nicht beim Einkaufen zusammen rechnen wie viel ich vorn an der Kasse bezahlen muss. Ich will nicht dauernd sinnlose Münzen mit mir rumschleppen – auch, wenn sich meine Kinder freuen, denn das Münzgeld, dass sich bei mir tagsüber in der Hosentasche ansammelt wandert Abends ins Familien-Sparschwein.
Ich will bequem bezahlen können. Und da ist mir Datenschutz zwar wichtig, Profilerstellung aber ehrlich gesagt recht egal. Mich würde mal interessieren, wie viele Bargeld-Zahler all die schönen Kunden- und Payback-Karten einsetzen …

Woran liegt es, dass wir Deutschen das Bargeld so mögen?

Weshalb wollen wir uns nicht trennen vom Klappern und Klimpern?
Angst? Vor mangelndem Datenschutz, vor dem Diebstahl der digitalen Identität, vor der Rückverfolgung meiner Einkäufe?
Es gibt über 100 Millionen Kundenkarten ala Payback in Deutschland – aktiv nutzen mehr als 20 Millionen Kunden diese. Das ach so oft vorgebrachte Argument der Profilierung ist also obsolet.

Vielleicht sollten wir uns weniger über die künstliche Angst unterhalten, und weniger über die bösen Kreditkarten-Unternehmen und Banken. Sondern eher über die Datenkraken Schufa, Creditform, Bürgel und Co. unterhalten. Wir Deutschen hängen am Ende vielleicht nicht so sehr am Bargeld, als vielmehr am Tropf der Wirtschaftsauskunftein…?! Denn ohne Konto, ohne Vertrauen – da auch keine EC- oder Kreditkarte.

Ich würde gern sehen, dass sich die digitale Revolution auch im realen Alltag etwas mehr niederschlägt. Dazu gehört eben auch, dass ich gern mehr mit Kreditkarte oder auch neuen Systemen wie Apple Pay zahlen würde. Würde wollen dürfen – oder so. Denn im Moment ist es einfach nicht überall möglich. Ich finde es zum Beispiel höchst amüsant, dass man hierzulande im schwedischen IKEA nicht mit Visa oder Mastercard zahlen kann, während man in Schweden seltsam gemustert wird, wenn man mit Bargeld bezahlt …

Bild: Sean MacEntee, flickr CC Lizenz

6 Kommentare

  1. Oft im Supermarkt erlebt: Die meisten Leute zahlen bar und brauchen dafür 5-10 Sekunden, aber sobald einer mit Karte zahlt, ist erstmal 20 s Stillstand. In kleinen Supermärkten, deren Geräte erstmal eine Verbindung zum Zahlungssystem aufnehmen müssen, sogar länger.
    Aber prinzipiell geb ich Dir Recht: Wenn das richtig zuverlässig funktionieren würde, wäre bargeldloses Zahlen ne schöne Sache.

  2. Bist Du denn dann auch bereit, ggf. 2-3% mehr (bei Kleinbeträgen 10% mehr) zu bezahlen, wenn Du mit Kreditkarte bezahlen „darfst“? Immerhin sind das ja die Kosten, die Du dem Verkäufer dann durch Wahl Deines Zahlungsmittels verursachst…

  3. @Matthias
    Die unterschiedlichen Margen sind mir durchaus bekannt. Ich finde es allerdings nicht ok; denn die Mehrkosten tragen EC-Karten-Zahler auch nicht. Unterschied: Bei EC Karten (ein lustiges deutsches Phänomen übrigens) werden die Margen künstlich niedrig gehalten. Das Problem gibt es in der Form im Ausland auch nicht, weil die Margen der Kreditkarten-Ausgeber da auch nicht so hoch sind … Das Kreditkarten-Dilemma ist also etwas tiefer; *aber* ich lese bspw. im Zusammenhang mit den ganzen App-Stores unheimlich oft, wie viel Angst und Abneigung Deutsche wegen dieser Kreditkarten im Generellen haben & frage mich, woher die kommt.
    Aber es geht hier ja vorrangig auch nicht unbedingt um Kredit- oder EC-Karte, sondern eben grundsätzlich mal die bargeldlose Zahlung …

  4. Das Argument von Matthias ist leider etwas schwach: Wenn die Einzelhändler den Aufwand der „Bargeld-Verarbeitung“ (Zählen beim Kassensturz, Nachttresor, Geldtransporte) berücksichtigen würden, geht es wahrscheinlich am Ende auf einen Gleichstand der Mehrkosten hinaus. Obendrein ist die Gefahr eines Überfalls auch nicht von der Hand zu weisen, wenn viel Bargeld eingenommen wird.
    Vor vielen Jahren wurde man selbst an (Autobahn-) Tankstellen noch blöd angeschaut, wenn man mit Karte zahlen wollte. Es gäbe doch Bargeld und den Eurocheck. Irgendwann muss aber gerade an den Tankstellen die Erkenntnis gekommen sein, dass man a) als Konsument gar nichts so viel Bargeld mit sich herumschleppen will und b) das Risiko bei einem Überfall geringer wird. Also zumindest das Risiko evtl. die ganzen Tageseinnahmen zu verlieren.
    Ich habe heute ganz selten mehr als 50 Euro im Porte­mon­naie. Den überwiegenden Teil meiner Ausgaben tätige ich per Karte…

  5. Ja, ich kann dich da verstehen.

    Ich bezahle auch am liebsten mit Karte. Selbst Kleinbeträge von 2-3 Euro zahle ich im Edeka um die Ecke per EC-Karte. Bargeld habe ich auch nur selten dabei und zahle auch nur dort damit, wo keine Kartenzahlung möglich ist (Bäcker, Dönerbude usw.).

    Meinetwegen könnte auch das gesamte Bargeld abgeschafft werden, aber ob unsere Generation das noch erleben wird?

    Aber immerhin haben wir es ja bereits geschafft die klassische Lohntüte abzuschaffen!

  6. Ich bin (eigentlich) zu 100% auf deiner Seite. Ich zahle gerne meine 3,28 € im Supermarkt mit Karte, allerdings so wie du sagst, geht das ja nicht überall. Wusstest du, dass man bei Saturn auch nicht mit Kreditkarte zahlen kann?! Auf der anderen Seite arbeite ich mit Obdachlosen zusammen und weiß, dass diese sehr auf Kleingeld angewiesen sind. Also ich finde deinen Vorschlag, dass man überall mit Karte zahlen KANN wunderbar, nur ein muss sollte es wohl nicht werden.

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