Ich bin ein Mann, erzählen Sie mir es doch bitte zweimal!

Ich habe drei Kinder. Eines fast 8, eines drei und eines ein halbes Jahr.
Ich weiß wie meine Kinder sind, wie sie reagieren, was sie machen. Ich weiß wie ich Windeln wechsle, wie ich sie anziehen muss (und achte sogar darauf, was ich ihnen zum anziehen gebe), … Ich weiß wie ich lieb zu ihnen sein kann, ich weiß wie ich sie schimpfen kann. Ich weiß sogar, wann ich sie schimpfen muss und wann nicht.
Alles Eigenschaften, die ich ebenso gut kann wie meine Frau.
Ich bin einer dieser Väter, die ihre Kinder jeden Tag in den Kindergarten (bzw. Schule) bringen und von dort wieder abholen, der fragt wie ihr Tag war und wie sie sich fühlen. Mich interessiert das.
Deshalb interessiert mich auch, was Lehrer, Erzieher oder Ärzte über meine Kinder denken. Und genau an dem Punkt treffe ich auf ein Phänomen. Eines, das scheinbar tief verwurzelt in unserer Gesellschaft steckt.
Ich nenne es das “Väter können nur inkompetent sein”-Phänomen. Vielleicht fällt mir irgendwann auch mal ein besserer Name ein.

Erstmals festgestellt habe ich das Phänomen, nachdem Jason ein halbes Jahr in den Kindergarten ging. Da kam eine neue Erzieherin in die Gruppe, bei der feststellbar war: Fragte ich sie etwas erhielt ich andere und weniger ausführliche Informationen als meine Frau.
Zuerst hielt ich es für eine Besonderheit der Erzieherin, musste mein Urteil allerdings ändern, nachdem wir von Ludwigsburg nach Leipzig gezogen waren. Hier nämlich verhielt sich jede Erzieherin, Lehrerin und Ärztin mir gegenüber so.
War ich allein bekam ich nur wenige Informationen. War meine Frau bei mir wurde ich vom Gegenüber stets höfflichst ignoriert und die Antwort, selbst bei einer von mir gestellten Frage, immer an meine Frau gerichtet.
Ausnahme: Der Leiter des Kindergartens, in den Jason ging. Aber dafür war es eben auch ein Leiter, keine Leiterin.

Heute geht es mir insbesondere mit unserer Kinderärztin und der Klassenlehrerin von Jason so. Sobald meine Frau bei mir ist, muss ich unsichtbar für gewisse Kreise werden.

Väter werden in Deutschland offenbar noch immer für größtenteils inkompetent gehalten. Weint ein Kind bei einer Frau sind die Blicke den einen umgebenden Menschen komplett anders als bei einem Mann. Frau: Böse Blicke. Mann: Mitleidige Blicke.
Mann holt Kind ab: “Alles ok” als einziger Kommentar. Frau holt Kind ab: Ausführlichste Beratung selbst über die Farbe des mittäglichen Stuhls.
Selbst in der Apotheke wurde mir neulich angeboten, die Dosierung nochmals für meine Frau auf einen extra Zettel zu schreiben, nicht das ich es vergesse … Dumm nur, dass ich zu dem Zeitpunkt mit dem kranken Kind allein daheim war und meine Frau die Dosierung überhaupt nicht interessierte (überspitzt gesagt).

Die Gleichberechtigung der Frau funktioniert im Sektor Kindererziehung absolut nicht. Noch immer wird in der Frau der kompetenteste Ansprechpartner vermutet, der Mann kann unmöglich mehr über die Kinder wissen. Ist schließlich nie da … oder so.

Manchmal komme ich mir als Vater in Deutschland ein wenig minderbemittelt vor.
Ja, ich bin Vater. Ich weiß was Kinder sind, wie sie ticken und ich kann mit ihnen umgehen. Sogar mit allen dreien gleichzeitig. Und danke, nein. Man muss mir keine mitleidigen Blicke entgegen werfen, mich ignorieren, wenn meine Frau dabei ist. Und man muss mir auch nicht alles zweimal erklären, wenn man es denn dann mal tut.

13 Kommentare

  1. Zugegeben, über die Bedeutung des Begriffs „Stuhl“ im Zusammenhang „Kind“ musste ich als Nichtvater kurz nachdenken. Was dabei rausgekommen ist (sic!) … Wie jetzt, es ist in Kindergärten üblich, die Kundschaft auch noch bis auf’s Klo zu verfolgen und die Hinterlassenschaften zu analysieren?

    Watt’n Scheiss! Das würde mir als Kind dann doch irgendwie verbitten. Andererseits, ab wann schafft so ein Kind das mit dem Stuhlgang eigentlich von allein?

  2. Ich komme mir beim Kinderarzt immer etwas seltsam vor. Liegt also nicht an mir. Die U7 vor ein paar Wochen war bei der gleichen Kinderärztin beim Sohn einer Bekannten anscheinend deutlich ausführlicher, als die meines Sohnes, die wir gemeinsam vor zwei Wochen „durchgemacht haben“. Hat mich gewunder: Jetzt weiss ich warum -> Woher soll ein Vater das wissen. Dabei sind wir beide berufstätig und wechseln uns in solchen Dingen schonmal ab. Auch wenn der kleine Krank ist, bleibt nicht zwingend meine Frau zuhause.

    Naja, ist vielleicht auch mal nett als man an der Gleichberechtigung arbeiten zu müssen. Gibt es hier auch Müttermeinungen?

    Heiko

  3. Kann ich nicht wirklich bestätigen, unsere Erzieherinnen in der Krippe erzählen mir jedes Detail über meine Tochter. Vielleicht liegt das am Alter der Leute? Bei uns ist der Großteil noch eher jung.

  4. Aus Sicht einer Mutter ist mir dieser Unterschied noch nicht wirklich aufgefallen.
    Allerdings stelle ich fest, dass ich im Kindergarten und in der Schule zu den Erzieherinnen auch auf der „Mutter-zu-Mutter“-Ebene spreche, da die meisten Erzieherinnen selbst Kinder haben. Da kommt ein „Das kennen wir auch“ oder „Bei uns ist das so“ viel eher über die Lippen.
    Zumal man als Frau gern auch mal einfach nur redet um zu reden. Man/frau plaudert eben.

    Dass der Mann sich seinen Platz in der Kindererziehung erkämpfen muss, sollte aber jedem klar sein. Und gerade die Männer, die sich für die Familie einsetzen, stellen das fest, weil sie ganz einfach diejenigen sind, die auf die alte, festsitzende Rollenverteilung in den Köpfen treffen. In ein paar Jahren hat sich das geändert.
    Solange musst du die Blicke ertragen. Und vor allem deine Meinung direkt kund tun (welcher Apotheker/Kinderarzt/Erzieherin liest deinen Blog?).

  5. Hallo Thomas,

    geht, oder ging, mir ganz genauso. Liegt meiner Meinung nach aber auch sehr an vielen Vätern. Ich war oft genug der einizge Vater beim Elternabend im Kindergarten, die anderen Väter fanden sowas peinlich. Das geht in der Grundschule genauso weiter, wenns dann aber auf die weiterführende Schule geht, wist du merken daß sich das ändert. Da triffst du dann plötzlich mehr Väter. Da sind die Mütter dann plötzlich nicht mehr zuständig oder „intelligent genug“ (das war ein Originalzitat eines Vaters).

  6. jaja, das gute alte rollenbild. uns frauen passiert das gleiche wie euch in bezug auf die kinder in den „typischen männerdomänen“. Kleines beipiel: ich habe vor einigen Tagen beschlossen mir ein neues auto zu kaufen. Wie erschrocken war der arme autoverkäufer als ich und nicht mein mann die verhandlungen geführt und den Wagen gekauft habe. Verwirrt und fast schon hilfesuchend schaute der verkäufer von mir zu meinem mann. Er erzählte mir nichts über den wagen und zeigte sich wenig gesprächsbereit. Gerne hätte ich die selbe situation noch einmal mit einemann als hauptakteur erlebt…

    Situationen wie diese gehören (leider) noch zu unserem alltag. aber wir geben unseren kindern ein verändertes rollenverständnis mit (du als fürsorglicher Vater, ich als autokaufende und voll berufstätige Mutter) und so tragen wir stück für stück dazu bei, dass sich der blickwinkel ändert. wir dürfen nur nicht verzweifeln 😉

  7. @stepahnie: Es ist so eine Sache mit dem Rollenbild. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Autos. Dennoch haben wir unser Auto nach einem 1/2 Jahr auf Autogas umrüsten lassen. Die Jungs der Werkstatt sagten nach dem Umbau und dem öffnen der Motorhaube: „So sieht der Motor jetzt aus!“ Meine Antwort: „Die Haube war bis jetzt noch gar nicht auf!“

    In diesem Sinne: Lass uns die Welt Stück für Stück verändern!

  8. Mhh.. ich bin zwar noch 15, aber irgendwie nervt mich das Ganze auch. Ich wollte bei so nem Kryptographie-Kurs mitmachen, aber durfte es nicht weil der nur für Mädchen ist. Na toll. Genauso diese Girls Days an unserer Schule. Dürfen alle Schülerinnen alle möglichen schönen Projekte machen. Wenn man so was nur für Jungen anbieten würde, wäre es dann wieder frauenfeindlich oder so.. 🙁

  9. Wenn man das liest, denkt man echt an eine männerfeindliche Gesellschaft 😀 Ist schon irgendwie krass, aber richtig verwundern tut es mich nicht, die reden immer am liebsten mit Frauen.. ist mir schon oft aufgefallen!

  10. Ja ok, da gebe ich euch schon recht. Aber so ist das Leben nunmal, denn auch umgekehrt könnte ich Romane darüber schreiben, wie unschaffbar es ist sich als Frau in einem technischen Beruf zu etablieren.
    Vielleicht ist das nur die Rache dafür 😉 (Was ich nun natürlich als Scherz meine, weil dies eigentlich schon ernst zu behandelnde Themen sind, die sich aber trotzdem wohl nie ändern werden)

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