Das Internet vergisst nicht. Oder?

„Das Internet vergisst Nichts!“
Wenn sich in den vergangenen Jahren ein Satz ins Gedächtnis des Internet-Skeptikers eingebrannt hat, dann dieser. Dieses Internet! Nix vergisst es! Dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich davon überzeugt zeigen, habe ich neulich auf einem Workshop wieder gesehen. Da sassen Social Media-Fans und -Skeptiker zusammen, und irgendwann kam dieser Satz. Darauf hin warf ich ein, das stimme nicht. Haha, der Internetmann kann viel erzählen! Aber um ehrlich zu sein: Es ist einfach so. Das Internet vergisst unheimlich viel. Schönes wie Böses gleichermaßen. In den letzten 12 Jahren, in denen ich dieses kleine Blog hier befülle, hat das Internet gut und gern die Hälfte der Links aus den Jahren 2001 bis 2005 vergessen, die ich gesetzt habe. Selbst innerhalb des Blogs ergeben sich aufgrund von Link-Umstellungen etc. aktuell 1.393 „Not found“-Meldungen in der Webmaster-Zentrale von Google, welche WordPress mit einer 404-Seite deklariert. Daneben fehlen aber zum Beispiel auch einige private Fotos, die ich gelöscht habe. Und mein Archiv von 2001, das es bisher nicht auf den neuen Server geschafft hat.

Das Netzgedächtnis ist unheimlich löchrig.
Und dafür muss man nicht einmal 12 Jahre zurück gehen. Es reichen schon acht Tage. Bei den Auftritten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zum Beispiel. Oder zwei Jahre, in Websiten-Verzeichnissen wie CSSMania.com zum Beispiel, wo ich mich neulich auf der Suche nach Inspiration einen etwas längeren Zeitraum zurück klickte – gut 20% der dort verlinkten Websites existieren schlichtweg nicht mehr.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Wissenschaftler Hany Salah Eldeen und Michael L. Nelson von der Old Dominion Universität in den USA jetzt. Die beiden haben in einer Studie sechs wichtige Ereignisse der letzten Jahre via Twitter analysiert. Ereignisse wie die H1N1-Epidemie oder den Tod von Michael Jackson. Sie haben untersucht, ob die bei Twitter verlinkten Quellen noch zugänglich waren oder nicht.
Ergebnis: Mehr als 11 Prozent der Inhalte waren nach nur einem Jahr nicht mehr online. Nach zweieinhalb Jahren fehlten bereits über 20 Prozent.

Binnen drei Jahren also verliert das Web 1/3 seines Wissens.

Das ist nicht weiter dramatisch, wenn es sich um Wissen handelt, das nur für den Moment wichtig ist. Das ist nicht schlimm mit Wissen, dass auf vielen Servern liegt. Aber wer weiß schon, was wichtig und unwichtig ist? Es ist das stete Spiel mit der viel zitierten Relevanz.

Von den Blogs, die existierten, als ich Ende 2000 zum ersten Mal meine Fühler ausstreckte sind heute noch … wie viele eigentlich? vorhanden. Jörg, Melody, … Kennt noch jemand a-log, sean, blue-pixel, … Ganze Existenzen, die da verschwanden.

Und ob Facebook in 12 Jahren noch existiert? Wer weiß … Friendster, anyone?

Wir hinterlassen unsere Spuren im Netz. Und das dicke böse Ding vergisst nichts?
Ganz so paranoid müssen wir nicht sein. Trotzdem sollte einem natürlich auch immer im Hinterkopf sein: Das Netz ist öffentlicher Raum. Also küble nur das rein, was Mama, Schwiegermutter, Arbeitgeber und dein Kind später eben auch lesen, sehen und hören können sollen. Nur für den Fall, irgendwer erfindet etwas gegen das Netz-Alzheimer 😉

(via)

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Ein Kommentar

  1. Zum einen muss ich natürlich kurz erwähnen, dass ich sowohl alle angesprochenen kenne und auch immer noch da bin 🙂
    Und zweitens, etwas ernsthafter, denke ich, dass der Satz nicht so dumm ist, wenn man ihn ein bisschen weiter auslegt. Vielleicht in dem Sinne »Du kannst nicht kontrollieren, was das Internet vergisst«
    Ich sollte mal gucken, denn ich habe selbstverständlich einen Ordner auf der Festplatte, in dem ich seit 2001 alle Privatbilder aller Blogger abgelegt habe, um irgendwann meine Zweitkariere als Erpresser zu starten 😉
    Will sagen: Klar verschwinden Inhalte. Wissen wir alle. Aber niemand hat Einfluss darauf, wer nicht seine Inhalte, die er selber gelöscht haben möchte, wieder hochspült. Mehr sagt dieser vielzitierte Satz für mich gar nicht aus; in dem Sinne gebe ich ihn auch meinen Kunden an die Hand. Aber immer mit Erklärung 🙂

    Das allerdings ist wiederum nicht nur im Web so – wer zB abends mal in die unerträgliche Promi-Gossip-Sendung mit Frau Rock reinschaut, der weiß: Es it egal, wann einem mal der Absatz auf dem RedCarpet brach, es ist egal, wann man mal einen Sekt zu viel hatte – wenn es auch nur irgendwie in die »Top5 der peinlichsten PromiMomente« passt, dann wird es wieder ausgegraben. Auch wenn die Jahreszahl mit 18.. beginnt.

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